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Sprint

Corona-
Behandlungszentrum Jafféstraße

»Hier gab es ein bisher unbekanntes Level an Dynamik. Danach wird sich jedes Projekt wie in Zeitlupe anfühlen.«
Fabian Scharf, Bauleiter
Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten

Von der Grundlagenermittlung bis zur Inbetriebnahme eines Bauprojekts sind es neun Leistungsphasen, die sich nicht selten über mehrere Jahre strecken. Nicht so das Corona-Behandlungszentrum, das innerhalb weniger Wochen auf dem Berliner Messegelände entstanden ist, um die Krankenhäuser im Falle eines erneuten Anstiegs der Infektionszahlen zu entlasten. Wo Planungsprozesse sonst häufig eher linear verlaufen, erforderte dieses rasante und dabei nicht minder komplexe Projekt ein hohes Maß an Gleichzeitigkeit und Dynamik. Dieses für Bauprojekte ungewohnte Tempo ging darüber hinaus mit nahezu einmaligen Bedingungen und Anforderungen einher, für die es bis dato noch keinen Präzedenzfall gegeben hatte – eine vollkommen neue Situation, die nach flexiblen Lösungen verlangte.

»Die Motivation für dieses Vorhaben ist immens. Natürlich gibt es ein Risiko, das wir derzeit aufgrund der Einmaligkeit der Lage nicht hundertprozentig abschätzen können – gleichzeitig haben wir, als Architekturbüro mit jahrelanger Erfahrung in der Entwicklung von Gesundheitsbauten, eine besondere Verantwortung. Jetzt ist nicht der Moment, zu kneifen.«
Edzard Schultz, Architekt
Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten

Kontext

Anfang Mai 2020 blickt Berlin zurück auf eine nunmehr sechs Wochen dauernde Ausnahmesituation, die durch die Coronavirus-Pandemie ausgelöst wurde. Überall auf der Welt geraten Gesundheits- und Versorgungssysteme an ihre Grenzen und die Angst vor einer Überlastung der Infrastrukturen wächst auch in Deutschland. Um einem Engpass vorzubeugen, beschließt der Berliner Senat, ein Notfall-Behandlungszentrum zu bauen und damit zusätzliche Kapazitäten für die Aufnahme von Corona-Patienten zu schaffen. Das Berliner Messegelände stellt zwei seiner Hallen zur Verfügung und die Wahl für das ausführende Architekturbüro fällt auf Heinle, Wischer und Partner.

»Bei der Planung für dieses Projekt gab es keine Linearität. Alles musste gleichzeitig bedacht, geplant und umgesetzt werden. Wir haben uns dafür an dem Sprint-Modell aus dem agilen Projekt­management orientiert, das uns ein hohes Maß an Gleichzeitigkeit und Flexibilität ermöglicht hat.«
Götz Holderbach, Projektleiter
Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten

Konzept

Die Architektur einer Messehalle bringt, wenn sie in ein Krankenhaus verwandelt werden soll, sowohl Nachteile als auch Vorteile mit sich. Die schier unfassbare Größe des Raumes ist beides zugleich – die Herausforderung, Räume im Raum zu schaffen, die dem hohen Anspruch an Hygienestandards während einer Pandemie genügen, und die Chance, skalierbare Strukturen zu entwickeln, die flexibel auf die Anforderungen der sich permanent verändernden Lage reagieren können. In so genannten Clustern werden Einheiten mit jeweils 16 bis 24 Bettplätzen geschaffen, deren mobile Ausstattung sich adaptiv an die individuellen medizinisch-pflegerischen Anforderungen anpassen lässt. Die modularen Cluster fungieren gleichzeitig als Blaupause für den Einsatz an anderen Orten. So wurden Heinle, Wischer und Partner auch mit der Planung eines Notfall-Behandlungszentrums in Köln beauftragt, dem ebenfalls die Cluster-Struktur zugrunde liegt, die entsprechend der spezifischen Anforderungen des neuen Standorts weiterentwickelt wurde.

»Das Corona-Behandlungszentrum an der Jafféstraße ist ein Hybrid aus einem hochmodernen Krankenhaus und einem Feldlazarett.«
Edzard Schultz, Architekt

Heinle, Wischer und Partner, Freie Architekten

Architektur

Bei dem Bau eines Notfall-Behandlungszentrums geht es vor allem um Zeit und Präzision. Gegenüber diesen beiden Imperativen der Zweckrationalität tritt die rein ästhetische Form notwendigerweise in den Hintergrund – und schafft so Raum für eine ungewohnte Schönheit des Zwecks, die sich den speziellen Dimensionen einer Messehallenarchitektur anpasst.

Um innerhalb dieser insgesamt 11.690 Quadratmeter großen Messehalle eine gute Orientierung zu gewährleisten, wurde ein spezielles Leitsystem entwickelt, dessen großflächig gesetzte Elemente auch aus großer Distanz erkennbar sind. Eine weitere Besonderheit, die sich aus den Gegebenheiten der Messehallenarchitektur ableitet, war die Idee, alle für die Gebäudetechnik notwendigen Installationen über Traversen zu führen. So werden die für die medizinischen Systeme, die Belüftung und die sanitären Anlagen notwendigen Leitungen über die Traversen von oben an die jeweiligen Cluster gebracht, so dass unten eine maximale Baufreiheit erhalten blieb. Diese für den Messe- und Veranstaltungsbereich typische Bauweise ermöglicht ein hohes Maß an Flexibilität und gewährleistete außerdem die Einhaltung der ehrgeizigen Terminziele.

Alle Systeme wurden sukzessive erarbeitet und permanent evaluiert. Dabei waren nicht nur die speziellen Anforderungen des Projekts selbst ein absolutes Novum, sondern auch die Informationslage zu Beginn der Bauphase. Weder gab es einen Überblick zu den Bauaufgaben in Bezug auf Räume, Funktionen und Ausstattung, noch lag ein detailliertes Raumprogramm vor. Alles, was sonst a priori gemeinsam von Ingenieuren, Architekten und Auftraggebern erarbeitet wird, musste bei diesem Projekt entwickelt werden, während an anderer Stelle bereits gebaut wurde – ein Sprint an dessen Ende ein Notfall-Behandlungszentrum steht, von dem niemand hofft, es irgendwann zu brauchen.